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No!

Dieses Jahr ging der Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film an Michael Hanekes Amour. Außerdem nominiert waren vier interessante Filme, die teilweise jetzt erst in den deutschen Kinos laufen. Weil die Amerikaner gar so sehr auf den Satz “Based on true events” oder auch “Inspired by the incredible true story” stehen, sind drei wahre Geschichten ins Rennen um den Academy Award gegangen: Der dänische Beitrag Die Königin und der Leibarzt gewann 2012 schon einen Darstellerpreis auf der Berlinale und ist, obgleich sein deutscher Titel super unsexy klingt und Kostümfilme es beim jungen Publikum oft schwer haben, wirklich großartig und empfehlenswert. Eine wahre Geschichte von politischer Tragweite, die kaum jemand außerhalb von Dänemark kennt. Jetzt aktuell im Kino sind Kon-Tiki aus Norwegen und No aus Chile, wobei der eine ganz wunderbar und der andere eine ziemliche Katastrophe ist.

Die verpasste Chance zuerst. Thor Heyerdahl segelte 1947 mit seinem Floß Kon-Tiki von Peru nach Polynesien und bewies damit, dass die geltende Lehrmeinung, die Besiedlung sei nur von Asien aus möglich gewesen, falsch war. Sein Buch über die gefährliche Reise verkaufte sich über 50 Millionen Mal: Sechs Männern auf einem Floß gegen die Naturgewalten, klingt nach großem Abenteuer. Der Film aber bleibt von Anfang bis Ende oberflächlich. Viel zu schöne, braungebrannte Skandinavier treiben auf dem Pazifik, einer kann nicht schwimmen, das Floß lässt sich kaum lenken, ab und zu kommt kurz ein Hai. Es entsteht weder echte Spannung, noch interessante Charakterentwicklung, aber die Sonne scheint stets golden und die blonden Strähnchen liegen perfekt auf den Piratenstirnbändern. Wie existentiellen die Situation gewesen sein muss, 100 Tage auf offener See, weit und breit kein Land, haben die Filmemacher kompett verflacht. Life of Pi von Ang Lee dagegen basiert zwar auf der unmöglichen Romanidee, ein junger Mann sei gemeinsam mit einem Tiger auf einem Rettungsboot gefangen, ist aber um Längen näher, interessanter und glaubwürdiger inszeniert.

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No, der Beitrag aus Chile, schließt eine Bildungslücke, die wirklich aus der Rubrik „incredible true story“ zu kommen scheint. 1988 muss Chiles Diktator Pinochet, auf internationalen Druck hin, sein Volk zu einer demokratischen Wahl rufen. Die oppositionellen Chilenen halten die Wahlen für Scharade. Dennoch: beide Lager bekommen täglich 15 Minuten, im ansonsten staatlich kontrollierten Fernsehen, zur freien Gestaltung ihrere Wahlkampagne. An dieser Stelle kommt Gael García Bernals Figur René ins Spiel. Er ist Werbefachmann, hat in den USA gearbeitet und gehört zur privilegierten Schicht des Landes. Durch einen Freund gelangt er ins Team der No-Kampagne, deren politische Ideen ihn zunächst weniger interessieren. Von den ursprünglichen Plänen, das Elend des Landes aufzuzeigen um über das Fernsehen die Bevölkerung aufzuklären, bringt er den Wahlkampf auf einen komplett neuen Kurs. Mit Regenbogen um das Wort „No“ geschwungen entwirft er ein junges, positives Lifestyle-Konzept von Fernsehspots um die unentschlossenen Wähler für ein freies Chile zu motivieren. Die suggestive Macht der Werbung, heftiger noch, die Macht des Fernsehens, scheint plötzlich der Staatsgewalt überlegener Gegner zu sein. Im historischen Beispiel fast schon ein Wunder! Im Spielfilm ist die Geschichte atmosphärisch eingefangen, die Bilder sind alle im Kameralook der 80-er Jahre. Das verwirrt möglicherweise das ein oder andere HD-verwöhnte Auge, aber der Übergang zwischen Archivmaterial und Neugedrehtem verschwindet komplett. Dadurch erlebt man viel unmittelbarer, schwitzt und hofft natürlich auf Pinochets Absetzung. Dennoch leugnet Pablo Larraíns Film nicht, wie erschreckend groß der Einfluss von 15 Minuten Fernsehwerbung auf Millionen von Menschen sein kann.

Bildquelle:
Pfiff Medien