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Only God Forgives

Lange, leere Flure, Eingangshallen, Korridore, enge Gänge. Wir sind eingesperrt, ausgeliefert. Widerstand zwecklos! Der Film eines Fetischisten, wie Regisseur Nicolas Winding Refn auf dem Münchner Filmfest selber erzählt. Mit einem Faible für Ryan Gosling, zarte Frauen und Gewalt; mit einer Obsession für Phallisches, Kastrationsmotive und unverfrorene, ödipalen Spannung. Außerdem der exzessivste Tapeten-Fetisch den das Kino seit Langem gesehen hat: Kein Raum in diesem Film, der nicht mit goldverzierter, blumenübersäter oder tigerkopf-bedruckter Mustertapete geschmückt ist. Das Dekor spielt seine eigene, doppelbödige Rolle.
“Only God Forgives” schlägt einen Bogen von beunruhigend über verstörend bis hin zu berauschend. Dieser Film besteht fast ausschließlich aus Atmosphäre: stickig, rot, duster und bedrohlich. Ein Film der Angst einjagt, den ein oder anderen zusammenzucken oder die Hand vor die Augen nehmen lässt.
Mit Glitzerketten-Vorhängen ist das Rotlichtmilieu Bangkoks verziert in dem Ryan Goslings Figur Julian vordergründig einen Boxclub leitet und hinten rum mit harten Drogen dealt. Im Terrarium nebenan sitzen die hübschen Thailänderinnen, die, wer will, für eine Stunde kaufen kann. Julians Bruder sucht nach einem ganz jungen Mädchen, 14 sollte sie sein. Er findet, nimmt sich, tötet. Am Ende dieser Nacht wird auch der Bruder tot sein und Ryan Goslings Figur soll ihn im Namen der Mutter rächen. Mutter, das ist Kristin Scott Thomas als eine böse, amerikanische Proll-Barbie mit Goldkreolen und Leopardenkleid. Nur sie kann von ihrem Penthouse-Hotelzimmer in die Weite des nächtlichen Bangkoks blicken, gefangen ist sie trotzdem hinter den riesigen Glasfronten. Unvorstellbare Sätze kommen aus ihrem Mund, abgründig und dennoch genau das, was der Film braucht, sich bei allem bizarren Risikogeschäft auch nicht nur ernst zu nehmen.

Die psychoanalytische Idee die eigene Mutter vögeln zu wollen. In Zusammenhang mit dieser Mutterfigur kann das eigentlich nur zu völlig gestörter, unterdrückter Sexualität führen. Der Sohn lebt nichts aus, ist Voyeur – wie der Kinozuschauer – und explodiert ersatzweise in heftigen Phantasien oder Momenten roher Gewalt. Von Gott fehlt jede Spur im Film. Dafür trifft Goslings Figur auf einen sehr konsequenten Rächer, gespielt von Vithaya Pansringarm, der immer ein Schwert bei sich trägt. Gewalt ist Thema des Films, im Angst-Lust-Zusammenhang, wie als aggresives Ventil der Libido. Sie schont kaum jemanden und liegt graphisch ziemlich genau zwischen “Der andalusischen Hund” und “Reservoir Dogs”. Deshalb ist aber noch lange nicht Schluss mit lustig – im Gegenteil. So sehr bedrängt die teils absurde Gewalt, übertritt Grenzen, dass es zum Lachen ist. Ob Scham, Verlegenheit oder Übersprungshandlung, man muss reagieren, muss sich entladen.

Andrew Anthony schrieb im “Guardian” über “Only God Forgives”: “I thought it was pretentious, slow, repetitive, sickeningly violent and absurd.” Davon ist nichts von der Hand zu weisen. Dieser Film ist langsam, sogar die Bewegungen der Menschen wirken um ein paar Umdrehungen gedrosselt. Bildliche Wiederholungen gibt es zahllose. Er will anmaßend und brutal sein und entgleitet seinem Regisseur dabei nie. Ganz präzise erreicht er Beklemmung durch Sound, erfindet Bilder aus Träumen und bereitet hundsgemeinen Spaß. Alarmierend, gruselig, artifiziell, lüstern und trotzdem unter Kontrolle.

Bildquelle: http://www.tiberiusfilm.de