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Laurence Anyways

Mit blutendem Gesicht steht Laurence an einer Telefonzelle. Es ist Winter in Montréal und weiße Flocken durchqueren seine Sicht. “Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?” Er ist verzweifelt, braucht Hilfe. Aber kein Mensch fühlt sich zuständig für den Freak in Frauenkleidern. Noch hat Laurence ganz kurze Haare und nimmt keine Hormone, von außen ist er ein Mann. “Musst du mal telefonieren, mon amour?”, fragt plötzlich eine ruhige Stimme. Ein Verwandter im Geiste? Er trägt jedenfalls fliederfarbenen Lidschatten und reichlich andere Schminke. Laurence folgt ihm, ruft seine Mutter an. Heulend bittet er sie zu kommen: “Können wir uns treffen? Es ist wichtig!” Er fleht um ihren Beistand, dicke Tränen laufen über die blutenden Wunden in seinem Gesicht. “Maman!?” Sie hängt ein.

Die Beziehung zu seiner Mutter ist nicht gerade innig. Weil er nie er selbst war, habe er sich nicht öffnen könne, versucht Laurence zu erklären. Der 24-jährige Regisseur Xavier Dolan hat eine konfliktreiche Mutter-Sohn-Beziehung schon zum Thema seines ersten Kinofilms I’ve killed my mother gemacht. Damals noch selbst in der Hauptrolle, ist er nun bei seinem dritten Spielfilm Laurence Anyways erstmals aus dem Scheinwerferlicht getreten. Regie, Drehbuch, Schnitt und Kostüm macht er allerdings noch selbst. Opulent und noch selbstsicherer ist der neue Film. Mit Schwung und Intuition schmeißt Xavier Dolan sein Budget auf die Leinwand: Möbel, Kostüme, Musik, Licht, Slow Motion, alles da. An vielen Stellen ist die verschwenderische Optik reiner Selbstzweck, aber das macht nichts. Kino ist ein ästhetisches Medium – ein Film darf gut aussehen! Zumal es bei Wunderkind Dolan nicht bei visuellen Spielereien bleibt, sondern wichtige Themen angesprochen werden. Im Zentrum des Film steht diesmal die Liebesgeschichte zweier Menschen von denen zunächst einer eine Frau und der andere ein Mann ist.

Mit Mitte dreißig bekennt sich der Mann Laurence zu der Frau Laurence, die er im Inneren schon immer war. Als Erste erfährt seine Freundin Frédérique, genannt Fred, davon. Die beiden sind schon seit zwei Jahren liiert, leben zusammen. “Du bist schwul?”, ist ihre unmittelbare Reaktion, “Ist unser Leben nicht echt?” Nein, schwul ist Laurence nicht. Er liebt seine Freundin, die beiden haben bislang eine sehr schöne Beziehung. Da Fred ihn auch so sehr liebt, kommt sie nach kurzer Schock-Pause zu ihm zurück und sie gehen zusammen die schweren Schritte ins zweite Leben. Fred sitzt neben der neuen Laurence im Badezimmer, wenn die sich schminkt, schenkt ihr eine Damenperücke und verteidigt die Beziehung gegen alle Kritiker. Zu Recht: ihre Liebe ist reich und knallig, wie der ganze Film. Wie Freds Locken: halb rot, halb schwarz gefärbt.

Während Laurence endlich frei atmen kann, zum ersten Mal ihre Schulklasse in Frauenkleidern unterrichtet, entwickelt Fred eine schwere Depression. Sie verliert die zuvor so intensive Leichtigkeit ihrer Liebesbeziehung, alles wird schwer. Sie hat jetzt Panikattacken, sucht Zuflucht in der Badewanne. “Ich kann nicht mich aufgeben, damit du dich findest!” schreit sie im Streit. Man irrt auf getrennten Wegen und findet doch immer wieder zueinander. Die Substanz der Geschichte liegt in zwei Menschen und ihrer Beziehung zueinander. Wie bewältigt man die schier unlösbare Aufgabe? Untereinander ist das schon komplex genug. Was ist mit der Gesellschaft? Den Lebensentwürfen? Kinderplänen? Melvil Poupaud spielt Laurence genau so, dass man schmerzhaft mitfühlt, gleichzeitig aber nicht so richtig schlau aus ihm wird. Die fantastische Suzanne Clément in der Rolle der Fred ist diejenige, die komplett aufmacht. Zwar akzeptiert sie Laurences Entscheidung, aber sie wirft auch eine große Frage auf: Wenn sie denn Mann, den sie liebt gehen lässt, bleibt dann der Mensch den sie liebt zurück?