INSIDE LLEWYN DAVIS

Inside Llewyn Davis

Geschichte schreiben nur Gewinner. Klar, berühmt wird man vor allem mit Erfolgen und auch die tatsächliche Geschichtsschreibung haben stets die Gewinner in der Hand. Nach einem Krieg haben Verlierer entweder nichts mehr zu sagen, oder schlimmer noch, sie sind tot. Llewyn Davis, der Titelheld im neuesten Werk der Coens, ist einer von den Künstlern, die nie den großen Durchbruch schaffen. Er tingelt durch das New York des Jahres 1961, es ist der Moment unmittelbar vor Bob Dylan. Bevor die große Popularitätswelle der Folkmusik mitsamt politischer Message über die Welt schwappte.

Llewyn ist Folksänger und spielt Gitarre. Zwei Lieder dominieren den Film “Inside Llewyn Davis”, einmal “Hang me oh hang me”, eine alte Volkweise und das wunderbare Duett “Fare thee well”, für den Film gesungen von Schauspieler Oscar Isaac und Marcus Mumford von Mumford and Sons. Wenn Llewyn singt dann ist das durchaus seine Erfüllung, er ist entspannt wie sonst nie. Die weichgezeichneten Schummer-Bilder, die ein bisschen viel Kneipenqualm in Retrooptik über die Gesichter der Schauspieler legen, kehren immer wieder und erzählen von seinen gleichförmigen Tagen, immer ähnlichen Auftritten im berühmten Gaslight Café in Greenwich Village und der getigerten Katze, die eigentlich überhaupt nicht seine ist.

Wenn der verkannte Künstler Llewyn Davis nicht gerade auf einem kuriosen Roadtrip mit dem ewig grandiosen John Goodman ist, dann haust er mal hier mal dort auf den Sofas von Bekannten. Demut und Dankbarkeit sind dabei nicht seine größte Stärke. Er verlangt nicht viel, aber er mutet sich pausenlos anderen zu. Eine geschwängerte Ex-Flamme, gespielt von Carey Mulligan, ist permanent so dermaßen wütend auf Llewyn, dass man ahnt wie viel Liebe ihrerseits im Spiel sein muss. Sich aber auch ausmalt, wie herb er sie enttäuscht haben muss. Mittlerweile ist sie ohnehin vergeben an Jim, gespielt von einem unglaublich blauäugigen Justin Timberlake.
Das klingt alles sehr melancholisch, ist es aber nur teilweise. Wenn die Coens am allerbesten sind – das sind sie hier dann doch nicht – entsteht ihre Komik aus absurd tragischen Umständen, wie in “Fargo” oder “Barton Fink”. Absolute Verlierertypen in unfassbaren Situationen, die sie meist selbst verschuldet haben. Llewyn ist wohl das, was man einen Versager nennt, falsche Entscheidungen trifft er nur zu häufig.

Man hat aber nicht nur Gelächter für ihn übrig. Da schwingt etwas Tieftrauriges mit in seiner Unfähigkeit, vielleicht auch dem Unwillen, mit Menschen Verbindungen zu knüpfen. Es gab nämlich doch Tote auch ohne echten Krieg – oder eben einen Toten. Llewyn war einst die Hälfte eines Folk-Duos, sein Partner beging Selbstmord. Das ist nur am Rande Thema im Film und erklärt doch so viel über diese verlorene Figur, die sich nach keinem Gegenüber mehr sehnt: “Live ain’t worth living without the one you love”, erklärt das eine immer wiederkehrende Lied. “Wouldn’t mind the hanging, but the laying in the grave so long”, ergänzt das andere treffend. Es muss weitergehen, Einzelkampf und Schwermut bleiben dabei Llewyns bewehrte Methoden.

Bild: Studiocanal