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Wo Liebe hinfällig wird

Eva klingelt, die Haustüre geht auf und vor ihr steht James Gandolfini mit Stoppelbart. Ein großer Mann und sein runder Bauch, verpackt in ein graumeliertes XXL Shirt, darunter Jogginghosen. Die beiden sind zum Brunch verabredet. “Hab ich den Termin verwechselt?” fragt Eva. “Nein, wieso?” – “Weil du einen Pyjama an hast?” – “Es ist Sonntag, da hab ich es gerne bequem!”.
Das sind die Geschichten, die nach blöden Verabredungen normalerweise nur noch dazu taugen im Freundeskreis für Lacher zu sorgen. Aber das Treffen zwischen Eva und Albert läuft abgesehen von der Kleider-Unordnung super. Gandolfinis Filmfigur Albert ist aber auch ein charmanter Typ: witzig, geduldig und aufmerksam. Nichts davon ist unaufrichtig, der Mann findet Eva einfach gut. Er meldet sich. Auf den Verabredungen lacht Eva dann konstant den ganzen Abend. Bald schon darf sie seine Tochter kennenlernen. Auch ein kleines Schmuckstück schenkt ihr der Verehrer, den James Gandolfini so hinreißend spielt, dass man nicht wahr haben will, der Schauspieler sei nicht länger am Leben. Sich Verlieben ist bei ihm garantiert. Wo ist der Haken, möchte die Frau dann in der Regel wissen.

Nicole Holofceners Drehbuch nimmt eine geschiedene Frau um die fünfzig mit halb-erwachsenem Kind zum Mittelpunkt und gibt ihr nichts Verzweifeltes. Seinfeld-Star Julia Louis-Dreyfus spielt Eva als lustige und vor allem entspannte Person ohne aufdringliche Neurosen. Spontan und natürlich klingen alle Dialoge, was der Regisseurin und Autorin des Films immer wieder den Woody-Allen-Vergleich einbringt. Eva spricht mit ihrer achtzehnjährigen Tochter über College und Jungsgeschichten, mit ihrer besten Freundin Sarah, gespielt von Toni Collette, über das Möbelrücken. Herrlich unspektakulär sind die Lebensumstände.
Einen Haken hat die Begegnung mit Albert aber dennoch. Gleichzeitig tritt nämlich eine neue Freundin in Evas Leben. Marianne (Catherine Keener) ist erfolgreiche Dichterin und lebt ein Tee-trinkendes und Zellulite-freies Luxusleben in ihrem bildschönen Haus, das aus einem perfekten Paralleluniversum zu stammen scheint. Diese wundersame Welt, in der man seine Schuhe mit samt Socken an der Türschwelle auszuziehen hat, fasziniert Eva. Gemeinsam ist den beiden Frauen, dass jede einen Exmann hat von dem sie froh ist getrennt zu sein. Das liefert Gesprächsstoff. Leider muss Eva schon schnell herausfinden, dass der verschmähte und ausrangierte Exmann ihrer neuen Freundin Albert ist, der eigentlich tolle Mann, den sie gerade erst kennenlernt.

Wie eine Süchtige kann Eva nicht davon ablassen ihre neue Freundin heimlich auszuhorchen: Es gab nie Sex, immer Streit um die Erziehung und nie hat der Mann eine Diät durchgehalten. Stück für Stück vergiftet die Beziehung zur neuen Freundin die Chancen auf die Liebe mit Albert. Trotz Bitterkeit verliert Holofceners Film nie den Humor und auch keine ihrer Figuren das Gesicht. Was auch tun, wenn man die Fehler eines Menschen alle schon kennt, bevor die guten Erfahrungen Zeit hatten Punkte zu machen? Am Anfang einer Beziehung der Blick in die Glaskugel. Mit allen Abgründen konfrontiert, weiß Eva nicht wie schnell sie sich langweilen wird. Ein “auf Dauer” oder gar “für immer” ist eine komplizierte Phantasie, wenn kaum Fläche mehr für Projektion frei bleibt, kein Raum für den frohen Mut der Frischverliebten. Dann besser der Realität ins Auge blicken und rennen so schnell man kann. Oder doch schützen, was nicht so häufig im Leben gefunden werden kann.

Foto: 20th Century Fox